»Wir sind ein Volk?!« Deutsch-deutsche Lyrik zum 30. Jahrestag der Montagsdemonstrationen

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»Wir sind ein Volk?!« Deutsch-deutsche Lyrik zum 30. Jahrestag der Montagsdemonstrationen

Die hier vorliegende lyrische Bestandsaufnahme dreißig Jahre nach Montagsdemonstrationen und Mauerfall zeigt wie widerständig die Ereignisse von 1989 nach wie vor sind und wie sehr sie sich einer homogenen Geschichte verschließen.Das vereinigte Deutschland ist ein »un-eines Land«, wie es im Gedicht von André Schinkel heißt, dessen Risse zwischen Ost und West bis heute deutlich spürbar sind. Aus diesem Grund hat das Literaturhaus Berlin – gegründet 1986 in West-Berlin – gemeinsam mit der Ostberliner Schriftstellerin Bettina Hartz zehn Lyriker:innen aus Ost- und Westdeutschland eingeladen, zum 30. Jubiläum der Montagsdemonstrationen ihre persönliche Sicht auf 1989 zu beschreiben. Damit findet auch die zweijährige Veranstaltungsreihe »Revolution in Europa.1968-1989« ihren Abschluss, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die unterschiedlichen Blickwinkel von Ost und West auf 1968 und 1989 zu untersuchen.

Herausgekommen sind erwartungsgemäß sehr unterschiedliche Texte, die sich auch der Herausforderung stellen, damalige Ängste und Hoffnungen, das also »was an schillernden Gedankenbaggern hereinbrach, / Was schier noch und unvordenklich erschien« (Schinkel) mit der Gegenwart abzugleichen. Die ostdeutsche Scham wird zum Thema gemacht, »dumpfer zu sein animalischer schwächer« (Carl-Christian Elze) als die alle an die Wand quatschenden Wessis, aber auch die Skepsis gegenüber der allgemeinen »Anschlusseuphorie« und ein eher unbekümmertes »Fremdschemen« bei Lutz Steinbrück: »Im Unvertrauen: Ich ausrangierter ›Held der Arbeit‹ habe mich an Fremdschemen gewöhnt.«Die Zäsur von 1989 wird mit der Zäsur 1945 in Verbindung gebracht, mit den erzählten und unerzählten Geschichten in den eigenen Familien, dann wieder ein zynischer Blick auf den Hype rund um das vereinigte Berlin geworfen: »Mauerweg, Mauer weg! hört / ihr das Bimmeln, das Rauschen? Stimmung sag ick det is Stimmung / pur / wie Köterkacke, was ihr hier seht: das geile Gestern, die Hystorie / aus Macht und Money, ein bisschen Hölle im Himmel Berlin« (Kerstin Hensel). Die Lyriker und Lyrikerinnen arbeiten sich in ihren Gedichten an den aus der Wende entstandenen, oft notbehelfsmäßigen Begriffen ab, wie zum Beispiel aus einem »Ostdeutschen«, einem »Bürger der Ex-DDR«, einem »Neubürger«, einem »Bewohner der neuen Bundesländer« ein »Ostler« oder eben ein »Ossi« werden konnte, und spiegeln in diesen sprachlichen Verkrampfungen die gesellschaftlichen und politischen Spannungen der Gegenwart wider. Wörter und Begriffe werden abgeklopft, ob sie sich für die Beschreibung der Ereignisse und damit die historische Ikonographie eignen – das Heuschreckenheer, die Banane – , und fragen nicht zuletzt:»Wie kriegen wir aus dem deutsch-deutschen das deutsche raus?« (Mara Genschel).

Mit Beiträgen von

Ruth Johanna Benrath, Mirko Bonné, Carl-Christian Elze, Mara Genschel, Kerstin Hensel, Dagmara Kraus, Kerstin Preiwuß, Monika Rinck, André Schinkel, Lutz Steinbrück

Texte aus dem Literaturhaus Berlin
Herausgegeben von Janika Gelinek und Sonja Longolius 91 Seiten. Erscheinungstermin: September 2019.
ISBN: 978-3-948156-19-0
Preis: 10,- Euro

Gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung